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Wurst & Schmuck

Als Jürgen Prüll, Inhaber von "Schmuck & Gerät", Unterer Markt 21 in Weiden, unmittelbarer Nachbar der Metzgerei Baierl, die Wettbewerbs-Idee "Schmuck & Wurst" ausschrieb, war man in der neuen Kunst-und-Kultur-Szene des nordoberpfälzer Oberzentrums gespannt. Wurst
war hier als künstlerisches motiv unbekannt. Das Schmuckgeschäft und die Metzgerei verbindet ein Strauch roter Kletterrosen.

Ortsspezifische, auch überörtlich interessante Einfälle hatte man in der familiär überschaubaren Stadt Max Regers, in der sich seit der Grenzöffnung nach Tschechien wieder kreativer Atem aus Ost und West mischen konnte, schon einige ausgebrütet, beispielsweise Ausstellungsprogramme rund um das heimische Kunst-und Kultur-Gut Glas und Porzellan; doch die einführung von "Wurscht" in die Sphäre des Schönen und Schicken schien manchen eher bodenständige grob, an den Haaren herbeigezogen.

Dass man zum Aufscheinen des Schönen nicht prinzipiell Gold braucht, dass es ebenso überzeugend Glas, Blech, Kunststoff, Haar sein können, hatten die frech-präzisen Schaufensterdekorationen des schmalen Werkstatt-Ladens längst schon deutlich gemacht. Die landläufige Vorstellung vom edlen Stück, das seinen Wert aus dem Material, dem Edelmetall, dem Edelstein bezieht, waren hier einer Handwerklichkeit gewichen, die sich mit Witz und Wagemut verbindet. Dieser Lust am Neuen, ganz Anderen und Unbekannten schloß sich die freundschaftliche Verbindung zur Metzgers-Familie an, als diese ein großes Firmenjubiläum plante. Vielleicht aber hatte auch die wirtschaftliche Lage des Unteren Marktes, die Notwendigkeit einer Standortbelebung auf die ästhetische Ebene durchgeschlagen und die Verbindung von zwei scheinbar unverbindlichen Geschmacksmomenten exemplarisch zur Aufgabe gemacht. Schmuck und Wurst, bei aller Wertschätzung der gepflegten Eßkultur, das war eine harte Nuß! Brainstorming ist angesagt, je verwegener die
Gedankenverbindung, desto besser. Der kulturelle Sektor ist so frei!

Einsendungen kamen aus aller Welt. U.a. aus japan, Belgien, Italien. Insgesamt 122 Demonstrationen vielfältigen und unüblichen Herangehens an das grundlegende menschliche Bedürfnis nach Verschönerung der eigenen Erscheinung und der Kultivierung des privaten Lebensumfeldes überrollten die Jury, ihrerseits eine geballte Ladung an Gesundem-Menschen-und Fachverstand. Vier Mitglieder des öffentlichen Berufsstandes aus Weiden, München und Nürnberg gingen im Weidener Internationalen Keramik-Museum in Klausur, an den gedeckten Tisch, in den Meinungs-Clinch. Tiefgreifende, sportlich ausgetragene Differenzen darüber, was denn in Anbetracht der ungewöhnlichen Gestaltungsansätze bei Material, Funktion, Ausdruck und unter herausfordernden zivilisationskritischen Blickwinkeln überhaupt noch als Schmuck gelten könnte, als Geschmeide an das örtliche Publikum zu vermitteln wäre, holte die Beteiligten aus der emotionalen Reserve und führte in wahrhaft tiefschürfende Diskussionen, die man dem lockeren Event-Zeitalter mit seinen Unverbindlichkeiten garnicht mehr zugetraut hätte.

Die Arbeit der Gewinnerin, auf die man sich schließlich über alle persönlichen Geschmackshaltungen hinweg verständigte, der Halsumhang der dänischen Goldschmiedin Trine Wilkens, bewegte die Gemüter am zwiespältigsten. Wo die Fernsicht auf nobel schwarzem Pullover den eleganten Fall eines geschickt in Schlingen verknoteten Bandes registriert, in warmen, anmutigen Honigton, mit lebendigen schwarzen und roten Akzenten, stellt die Nahsicht alles andere als die vermutete klassische Stofflichkeit fest. Es ist nicht Gold, was hier glänzt, es handelt sich um ein langes gelbliches Stück Darm, den ein elastisches, schwarzes Band, ein schmaler Streifen Fahrradschlauch durchspannt. Doch was in der wörtlichen Beschreibung vielleicht abstoßende Empfindungen weckt, spricht in seiner visuellen Erscheinung eine ganz andere, anziehende Sprache. auch eine Poesie des Naturschönen ist hier wirksam, die die ästhetischen Negativ-Vorstellungen, mit denen das verwendete gynäkologische und verkehrliche Material üblicherweise behaftet ist, vollständig verstummen lässt.

Dabei werden Momente der menschlichen Technik und des Tieropfers, der Pole von Fortschritt und Zyklus, die das Spannungsfeld unserer Kunst und Kultur bilden, keineswegs verborgen. Weder werden sie verniedlicht noch von einer idealen Gegenwelt überstrahlt. Im Gegenteil, ihre gegenseitige Durchdringung und ihr Eigenwert erhalten eine ebenso sublime wie deutliche Gestalt.

Wolfgang Herzer, Kunstverein Weiden